Schweizerischer Samariterbund
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Zum Thema "Beatmung bei Herzstillstand"


Wie Schweizer Zeitungen Mitte April berichteten, hat die American Heart Association (AHA) empfohlen, dass Ersthelfer, die Zeuge eines Kreislaufstillstandes bei einem Erwachsenen werden, nur noch Thoraxkompressionen durchführen und auf eine Beatmung verzichten sollen.
 
Der European Resuscitation Council (ERC) hat dazu auf seiner Homepage (www.erc.edu) eine Stellungsnahme veröffentlicht, in der die Übernahme der AHA-Empfehlung zum jetzigen Zeitpunkt mangels Evidenz abgelehnt wird. Es wird hierzu weiter ausgeführt, dass – nur zwei Jahre nach der Umstellung auf die neuen Wiederbelebungsrichtlinien – die Teilnehmer in der Erste-Hilfe-Ausbildung durch neue Massnahmen möglicherweise verunsichert würden, zumal der Prozess zur Überarbeitung der ERC-Richtlinien 2005 angelaufen ist.
 
Das bedeutet für den Schweizerischen Samariterbund, dass die jetzigen Richtlinien unverändert bleiben und dass vorläufig keine Anpassung der Kursunterlagen vorgenommen wird. 
Der SSB ist in Kontakt mit den schweizerischen Fachinstanzen und wird rechtzeitig reagieren. Zudem wird ein koordiniert vorgegangen mit Einbezug unserer Partnerorganisationen.
 
Falls ein Helfer nicht in der Lage ist zu beatmen oder sich die Beatmung als unmöglich herausstellt, ist es besser, nur die Thoraxkompressionen durchzuführen, statt auf sämtliche Massnahmen zu verzichten. Ein Verzicht auf die Beatmung kann bei Überwindung der "Ekelbarriere" nur in Ausnahmefällen und nicht als Regel toleriert werden, dies ist jedoch keine generelle Empfehlung! Beatmung und Thoraxkompressionen bleiben nach wie vor "Goldener Standard"
Schweizerischer Samariterbund, 15.4.2008
 
 
Beratende Stellungnahme des European Resuscitation Council zum Basic Life Support vom 31. März 2008
 
Ersthelfer, die in den lebensrettenden Basismassnahmen (BLS) ausgebildet sind und Zeuge des plötzlichen Kollapses eines Erwachsenen werden, sollten unmittelbar Rettungsmassnahmen einleiten, indem sie 30 Thoraxkompressionen mit angemessener Kraft und Eindrucktiefe bei einer Frequenz von 100/Minute verabreiche, gefolgt von zwei Mund-zu-Mund-Beatmungen. Der/die Helfer sollte/n sicherstellen, dass die Beatmung nur minimale Unterbrechungen der Thoraxkompressionen verursacht. Gleichzeitig sollten weitere Helfer den Rettungsdienst alarmieren. Diese Abfolge von Thoraxkompressionen und Beatmungen sollte weitergeführt werden, bis professionelle Hilfe am Notfallort eintrifft. Für Laienhelfer die nicht in BLS ausgebildet oder unwillig bzw. unfähig sind eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen, besteht eine akzeptable Alternative darin, ununterbrochene Thoraxkompressionen mit einer Frequenz von 100/Minute zu geben. Ersthelfer ohne BLS-Ausbildung, die telefonische BLS-Anweisungen erhalten, sollten vorzugsweise angehalten werden, ununterbrochene Thoraxkompressionen durchzuführen, bis professionelle Hilfe eintrifft.
 
Diese Stellungnahme bekräftigt die Empfehlungen der European Resuscitation Council Guidelines 2005, die im November 2005 publiziert worden sind (1). Diese Guidelines basieren auf einer umfassenden Bewertung wissenschaftlicher Daten, die im November 2005 publiziert wurde (2). Diese Bewertung schloss alle verfügbaren Studien zur kardiopulmonalen Reanimation (CPR) ein, einschliesslich Verabreichung von Thoraxkompressionen, Mund-zu-Mund-Beatmung sowie die unterschiedlichen Kombinationen von Thoraxkompressionen und Beatmungen. Die meisten nationalen Reanimations-Organisationen in Europa haben die se Guidelines übernommen, in ihre Nationalsprachen übersetzt, in Ausbildungsmaterialien eingearbeitet und haben einen Prozess der Ausbildung und Auffrischung von Laien und professionellen Helfern begonnen. Dieser Prozess ist noch nicht vollständig abgeschlossen.
 
Seit 2005 sind weitere wissenschaftliche Studien publiziert worden, die den Nutzen der Mund-zu-Mund-Beatmungen zusammen mit Thoraxkompressionen während CPR untersucht haben (3-5). Diese Studien deuten darauf hin, dass es keinen statistisch signifikanten zusätzlichen Vorteil von Mund-zu-Mund-Beatmungen in Kombination mit Thoraxkompressionen gibt gegenüber einer CPR nur mit Thoraxkompressionen (bei der Thoraxkompressionen nicht durch Beatmungen unterbrochen werden). Der beunruhigend niedrige Anteil von Ersthelfern, die willens sind, eine CPR durchzuführen, sowie die niedrige Überlebensrate nach ausserklinischen Kreislaufstillstand sind seit vielen Jahren belegt. Diese Tatsache und die jüngst publizierten Studien haben die American Heart Association (AHA) zur Herausgabe einer Stellungnahme veranlasst, in der empfohlen wird, dass Ersthelfer, die Zeuge eines plötzlichen Kollapses eines Erwachsenen werden, Thoraxkompressionen ohne Beatmungen verabreichen sollen (6). Die AHA hofft, mit dieser Stellungnahme die Anzahl Ersthelfer zu erhöhen, die bereit sind, zu handeln und eine CPR zu beginnen, und die Überlebensrate bei Opfern eines plötzlichen Kreislaufstollstandes zu verbessern.
 
 
Der ERC hat die verfügbare publizierte wissenschaftliche Evidenz geprüft. Der ERC hält diese Evidenz für nicht ausreichend, um seine BLS-Guidelines jetzt zu verändern. Dieser Empfehlung liegen einige wichtige Überlegungen zugrunde:
 

  1. Bei den jüngst publizierten Studien handelt es sich um unkontrollierte, beobachtete Erfahrungsstudien, die aus den Jahren 1990 bis 2003 stammen. Derartige Studien werden generell nicht ausreichend angesehen, um definitive Schlussfolgerungen zur Ueberlegenheit oder Gleichartigkeit irgendeiner CHR-Methode zu erlauben. Die Ergebnisse dieser Studien sind immer noch mit der Hypothese vereinbar, dass die aktuell empfohlene Kombination von Thoraxkompressionen und Beatmungen überlegen ist gegenüber der CPR nur mit Thoraxkompressionen.
  2. Derzeit ist ein weltweiter Prozess der wissenschaftlichen Evaluierung initiiert worden, um alle wissenschaftlichen Daten zur Reanimation zu bewerten. Ein neuer Konsens über die Wissenschaft (Consensus on science) wird 2010 veröffentlicht werden und es ist angebracht, das Ergebnis dieses Prozesses abzuwarten, bevor neue Veränderungen der Guidelines empfohlen werden.
  3. Mit den Guidelines 2005 wurde das Kompressions-Ventilations-Verhältnis von 15:2 auf 30:2 angehoben, womit schon die Bedeutung einer minimalen Unterbrechung hoch-qualitativer Thoraxkompressionen betont wurde. Anders als die Guidelines der AHA sehen die des ERC ausserdem vor, dass 30 Kompressionen verabreicht werden, bevor versucht wird zu beatmen. Es sind keine Studien publiziert worden, in denen eine CPR nur mit Thoraxkompressionen verglichen wurde mit einer CPR nach den Guidelines 2005.
  4. Die Guidelines 2005 werden in ganz Europa implementiert. Es ist nicht im Interesse der CHR-Qualität und der Ausbildung Hunderttausenden potentieller Ersthelfer, neue Veränderungen einzuführen, während die aktuellen Guidelines noch implementiert werden. Die resultierende Verwirrung wäre kontraproduktiv.
  5. In Europa ist der Anteil von Reanimationsversuchen, bei denen ausgebildete Ersthelfer eine CPR durchführen, schon bemerkenswert. Der Prozentsatz wird mit zwischen 27% und 67% angegeben, beträchtlich höher als der allgemein in den USA beobachtete (7,8). Daher ist die Notwendigkeit, die Guidelines möglicherweise zu Lasten der Qualität zu vereinfachen, um Ersthelfer zur Durchführung der CPR zu ermutigen, weniger zwingend als in den USA.
  6. Selber wenn die CPR nur mit Thoraxkompressionen empfohlen wird, gibt es schliesslich Fälle, bei denen die Beatmung entscheidend bleibt. Derartige Fälle sind: unbeobachteter Kreislaufstillstand, Kreislaufstillstand bei Kindern, die meisten innerklinischen Kreislaufstillstände, Kreislaufstillstände nicht-kardialer Ursache wie Ertrinken oder Verlegung der Atemwege sowie Reanimationsversuche, die länger als ungefähr vier Minuten dauern. Diese Aufzählung ist wahrscheinlich nicht vollständig. Es ist unwahrscheinlich, dass Laienhelfer in der Lage sind, diese Fälle mit Sicherheit zu erkennen, so dass sie bei vielen Patienten eine qualitativ unzureichende CPR durchführen würden, falls sie gelernt hätten, nur Thoraxkompressionen zu verabreichen.

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